Ultimativer Vergleich des Live-Erlebnisses: Bundesliga vs. ESL One

Ultimativer Vergleich des Live-Erlebnisses: Bundesliga vs. ESL One

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Am 28. und 29. Oktober 2017 fand in Hamburg die ESL One in Dota 2 statt. Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen und war für FussballWirtschaft als Pressevertreter dort. Genau wie nach den EU LCS Spring Finals 2017 möchte ich meine Eindrücke mit Dir teilen.

Dabei stand bei mir natürlich nicht nur der sportliche Wettkampf an sich im Fokus. Ich habe wie immer auch rechts und links geschaut. Diesmal möchte ich aufzeigen, welche großen Unterschiede es zwischen dem Stadionerlebnis eines Fußballspiels und der ESL One in der Barclaycard Arena gibt.

Kurzes Vorwort bevor es losgeht

Bevor ich mit dem Vergleich der Live-Erlebnisse eines Fußballspiels und eines eSports-Events anfange, möchte ich noch ein paar einleitende Worte zur ESL One verlieren. Die Strukturen sind im eSports nämlich ganz anders als im Fußball.

Was ist die ESL One?

Die Electronic Sports League (ESL) ist ein deutsches Unternehmen und veranstaltet zahlreiche eSports-Events in verschiedenen Disziplinen.

Das Wort Disziplin steht im Falle des elektronischen Sports für die verschiedenen Spiele. Die ESL bietet hierbei von FIFA über Counter Strike bis hin zu League of Legends & Dota 2 alle relevanten eSports-Titel an.

Bei der ESL One in Hamburg ging es diesmal um das Spiel Dota 2.

Das Spiel Dota 2

Ich bin ganz ehrlich. Mit dem Spiel Dota 2 hatte ich bis zur ESL One in Hamburg keinerlei Berührungspunkte. Eine Unterscheidung zum Spiel League of Legends, was ich bei den Spring Finals der EU LCS 2017 ebenfalls zum ersten Mal sah, ist mir schwer gefallen.

Wahrhaftige eSports-Fans können das sicher nicht nachvollziehen :-).

Kommen wir nun aber zum Vergleich zwischen dem eSports-Turnier und einem Stadionbesuch.

1. Atmosphäre in der Arena

Ich gehe mal davon aus, dass ich hier kein Bild aus dem Inneren eines Fußballstadions zeigen muss, um die Atmosphäre dort zu verdeutlichen :-). In der Regel ist die Stimmung in einem ausverkauften Stadion – natürlich auch in Abhängigkeit vom Spielverlauf – bombastisch.

Trotzdem haben Fußballstadien im Vergleich zu eSports-Arenen zwei Nachteile:

  1. Das Spielfeld ist vergleichsweise riesig, was dazu führt, dass große Teile des Stadions nicht mit Fans besetzt sind.
  2. Die Stadien sind typischerweise nach oben offen. Neben einem starken Einfluss der Witterung bedeutet dies aber auch, dass die Akustik nicht so gut ist, wie in geschlossenen Arenen.

Ich würde nicht sagen, dass die Atmosphäre deshalb bei der ESL One besser war als in einem Fußballstadion. Schlechter war sie aber auch auf keinen Fall.

Beeindruckende Atmosphäre bei der ESL One im Hamburg
Beeindruckende Atmosphäre bei der ESL One im Hamburg

2. Komplexität hängt mich ab

Fußball ist ein ziemlich einfaches Spiel. Der einstige Bundestrainer hat es schön zusammengefasst:

„Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.“ [Sepp Herberger]

Heutzutage sind zwar einige technische Kniffe und neue Regelungen dazugekommen, das Grundspiel ist allerdings gleich geblieben. Am Ende gewinnt die Mannschaft, die mehr reguläre Tore erzielt hat.

Dota 2 könnte wie folgt beschrieben werden:

Zwei gegeneinander antretende Fünfer-Teams wählen zu Beginn des Spiel ihre Helden (Champions) und Zauber (Spells), die sie im Spiel verwenden. Anschließend müssen sie versuchen die gegnerischen Türme zu zerstören. Die Dauer des Spiels hängt dabei von der Qualifikation der beiden Teams ab. [Ralf Leister – eSports-Sympathisant, aber Neuling]

Auch hier bin ich ehrlich. Der Enthusiasmus der Menge hat mich zwar mitgerissen, ich habe aber sehr häufig nicht verstanden, was gerade passiert ist. Da hat auch die 10-fache Zeitlupe, die gelegentlich eingeblendet wurde, nicht geholfen.

Aus Gesprächen mit ein, zwei anderen eSports-Interessierten (diese waren explizit keine Hardcore-Fans) weiß ich, dass ich nicht der einzige bin, dem es so ging.

Hier gehe ich dann doch lieber ins Fußballstadion. Schauen wir uns die nächste Kategorie an.

3. Internationalität der ESL One

Viele Bundesligisten machen sich Gedanken darüber, wie sie international noch relevanter werden können. Dahinter verbirgt sich die These, dass der deutsche Fußballmarkt annähernd gesättigt ist, was die Anzahl an Fans angeht.

Die Ansprache neuer, internationaler Zielgruppen war beispielsweise für Schalke 04 ein Grund für die Etablierung eines eigenen eSports-Teams.

Vielleicht vermutest Du schon, welches der beiden Events – Stadionerlebnis vs. eSports-Turnier – hinsichtlich der Internationalität stärker punkten kann.

Andernfalls sollten auf jeden Fall diese drei Anekdoten helfen.

Englische Live-Kommentierung

Das gesamte Event wurde auf Englisch moderiert und kommentiert. Dabei hatte das Moderatoren-Team (3 Personen) kaum Zeit zum Luftholen, da das Spiel wie gesagt sehr schnell abläuft.

Obwohl ich ganz passabel Englisch spreche und verstehe, war es teilweise schwer für mich, zu folgen. Das liegt aber vermutlich vor allem an meinem fehlenden Spielverständnis.

Englischsprachige Sitznachbarn

Da ich keine klassische Eintrittskarte, sondern einen Presseausweis hatte, konnte ich mich in der Arena ziemlich frei bewegen. Ich hatte aber auch keinen festen Sitzplatz. Wann immer ich mich einmal kurz hinsetzen wollte, habe ich deshalb die potenziellen Sitznachbarn gefragt, ob der Platz neben ihnen noch frei sei.

Nachdem ich das zwei Mal auf Deutsch gemacht habe und beide Male fragend angeschaut wurde, fragte ich zukünftig nur noch auf Englisch. Auch, wenn sich mal Deutsche neben mich setzten, haben diese immer höflich auf Englisch gefragt.

Internationales Publikum

Darüber hinaus wirkte das Publikum unabhängig von den beschriebenen sprachlichen Missverständnissen auch optisch sehr international.

Insgesamt waren im Publikum der ESL One vor allem wesentlich mehr asiatische Mitbürger vertreten als bei einem klassischen Fußballspiel.

In Punkto Internationalität liegt die ESL One also klar vor jedem deutschen Fußballspiel. Das ist im Hinblick auf die Vermarktung wichtig. Auf den Enthusiasmus des allgemeinen Fans hat die Internationalität vermutlich aber keine Auswirkungen, weshalb ein Stadionerlebnis nicht schlechter ist, nur weil es komplett auf deutsch ist.

Ehrlich gesagt ist es dadurch sogar wesentlich einfacher dem Geschehen zu folgen.

4. Merchandising der Fans

Ich finde es im Fußballstadion immer beeindruckend, wenn eine ganze Fankurve in den Vereinsfarben erstrahlt. Außerdem bewundere ich dieses Gemeinschaftsgefühl, was durch das Tragen desselben Wappens ausgelöst wird.

Diesbezüglich war ich bei der ESL One zugegebenermaßen etwas enttäuscht. Auf den Gängen und im Inneren der Arena liefen mir zwar immer beeindruckende Cosplays (als Champions verkleidete Menschen) entgegen, aber die Zugehörigkeit zu einem Team wurde nicht zur Schau gestellt.

Hierzu habe ich eine klare These: Noch sind eSports-Events hierzulande sogar in Großstädten eher selten. Aus diesem Grund werden vermutlich allgemeine eSports- bzw. im Falle der ESL One Dota 2-Fans von diesen Turnieren angezogen und nicht die Anhänger eines bestimmten Clans.

Der visuelle Gesamteindruck könnte mit etwas mehr Fan-Montur noch beeindruckender wirken. Demnach sehe ich hier einen klaren Punkt für das Stadionerlebnis im Fußball.

5. Sponsoring des Events

Jedes Event braucht Sponsoren, um sich zu finanzieren. Wenn eine relativ homogene Zielgruppe (Fußball- oder eSports-Fans) an einem Ort ist, zahlen verschiedenste Marken dafür, sich diesen Fan-Gruppen zu präsentieren.

Im Fußballstadion sehen wir Sponsoring auf Banden, Trikots, Anzeigetafeln, an Essens- & Getränkeständen und sogar auf den Auswechselbänken. Die ESL One muss sich allerdings auch nicht verstecken.

Auch bei den eSportlern sind die Trikots sowie weitere Ausrüstung vermarktet. Die Computer sind in der Regel von einem Sponsor gestellt und auf den Leinwänden, auf denen sich die Hauptattraktion des Events abspielt, sind ebenfalls verschiedene Sponsoren vertreten.

Darüber hinaus sind sie aber auch physisch in der Arena anwesend. So stand bei der ESL One in Hamburg ein Mercedes mitten in der Arena. Weitere Autos standen davor.

Mercedes im Innenraum bei der ESL One in Hamburg
Mercedes im Innenraum bei der ESL One in Hamburg

Außerdem hatten verschiedenste Sponsoren (Mercedes, Wüstenrot etc.) eigene Stände auf den Rängen im Umlauf der Arena. Dort konnten Schaulustige entweder entspannt im W-LAN surfen (ja, das wurde genauso beworben) oder einen Autosimulator fahren.

Beide Sportarten müssen sich hinsichtlich Sponsoring nicht voreinander verstecken.

6. Highlights beim eSports

Kommen wir zum letzten Punkt. Den Highlights während des jeweiligen Events. Highlights sind für mich Momente, in denen die Zuschauer von ihren Plätzen gerissen werden oder zumindest in euphorischen Jubel ausbrechen.

Ich habe leider schon viele Bundesligaspiele sehen müssen, in denen ich nicht einmal gejubelt habe. Das hat einerseits mit meinem Fan-Dasein für den HSV zu tun. Andererseits fallen beim Fußball einfach wenig Tore.

Das hat den Vorteil, dass Fußball taktisch ist und Einzelsituationen entscheiden können. Außerdem ist die gesamte Spannung bei weniger Toren höher als bei vielen Toren.

Während der ESL One sind im Publikum jedoch wesentlich häufiger Jubelschreie und Applaus ausgebrochen als bei einem durchschnittlichen Bundesligaspiel.

In Punkto Euphorie sehe ich den eSports während des Events klar vorne. Allerdings muss ich auch sagen, dass die Ergebnisse der Bundesliga zumindest bei mir persönlich im Nachhinein länger hängen bleiben.

Auch hier haben beide Events ihre Vorteile, können allerdings noch voneinander lernen.

7. Live-Vermarktung der ESL One

Über die TV-Vermarktung der Bundesliga wurde bereits so einiges geschrieben. Ich bin beispielsweise mit dem Verteilungsschlüssel der Einnahmen aus den zentral vermarkteten Rechten unzufrieden.

Die ganzen Diskussionen rund um die TV-Vermarktung zeigen: Um ein Bundesligaspiel vor dem Fernseher, Tablett & Co verfolgen zu können, müssen Fans heutzutage auf das Pay-TV zurückgreifen.

Das ist beispielsweise bei der ESL One anders gewesen. Über den Streaming-Dienst Twitch.tv können Fans weltweit ihr Lieblings-Event verfolgen. Dabei können sie in der Regel sogar die jeweilige Sprache der Kommentatoren auswählen – Stichwort Internationalität.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Twitch kein Geld verdient. Der Streaming-Dienst macht das nur eben so, wie man das im Internet macht: Über ein Abo-Modell, das einem einen Stream frei von Werbung bietet, Affiliates (Links zu Produktverkäufen) und Interaktion der Nutzer mit den Spielern, die sich monetarisieren lässt.

Die Bundesliga macht das anders. Sie nimmt über ihre vermarkteten TV-Rechte jährlich knapp 1,2 Milliarden Euro ein. Allerdings führt dies bzw. das Geschäftsmodell der Pay-TV Anbieter – dazu, dass der Zugang zum Erlebnis des Bundesligaspiels begrenzt ist, sofern man nicht selbst im Stadion sitzt.

Beide Events haben ihre eigene Lösung gefunden, um das eigentliche Stadion- bzw. Arena-Erlebnis auf die Bildschirme dieser Nation bzw. der Welt zu bringen. Auch hier würde ich mir wünschen, dass die beiden Welten voneinander lernen. Denn eines ist klar: Das Nonplusultra liegt vermutlich wie immer in der Mitte.

Fazit zu ESL One vs. Bundesliga

Ich habe schon häufig geschrieben, dass eSports ein großer Trend ist, der dazu führen könnte, dass die Bundesliga langfristig weniger neue Fans für sich gewinnt. Daran glaube ich nach wie vor. Das heißt nicht, dass ich das gut finde.

Die ESL One ist beispielsweise für mich eine schöne Abwechslung zwischendurch. Ich nehme es wie den Besuch eines Konzert oder ähnlichem wahr. Es macht Spaß. Deshalb schaue ich aber nicht weniger Fußball.

Ich glaube jedoch, dass nicht alle so denken. Gerade die Hardcore-Fans, die viel Zeit vor dem Stream verbringen, werden vermutlich nicht allzu häufig an Fußball denken.

Der Besuch der ESL One hat die These, dass eSports und Fußball voneinander lernen können, noch weiter bekräftigt. Hoffentlich sprechen die Verantwortlichen beider Sportarten mal miteinander :-).


Digitalisierung des Fußballs

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