Horizonterweiterndes Plädoyer für die Nachhaltigkeit der Bundesliga

Horizonterweiterndes Plädoyer für die Nachhaltigkeit der Bundesliga

LINKEDIN
SOCIALICON
Facebook
YOUTUBE

Auch in dieser Woche möchte ich Dir eine ganz andere Perspektive auf das Fußball-Business geben. Es geht nämlich um kein geringeres Thema als Nachhaltigkeit der Bundesliga.

Ich gebe zu, dass mich dieses Thema weder in der Uni noch in der bisherigen Praxis wirklich gefesselt hat. Das Problem liegt jedoch nicht an dem Thema Nachhaltigkeit an sich, sondern an der häufig sehr engen Definition des Begriffs.

Da ich im Hinblick auf die Nachhaltigkeit der Bundesliga ganz sicher kein Experte bin, habe ich ausführlich mit einem gesprochen. Nachdem ich Dir diesen vorgestellt habe, steigen wir sofort inhaltlich ein.

Ich verspreche Dir, dass Du Nachhaltigkeit der Bundesliga vermutlich noch nie aus dieser Perspektive betrachtet hast.

Mein Gesprächspartner: Stefan Wagner

Arbeitet an der Nachhaltigkeit der Bundesliga: Stefan Wagner
Stefan Wagner

Stefan Wagner hat zwar Volkswirtschaftslehre studiert, ist hinterher jedoch schnell ins Sportbusiness eingestiegen. Nach seiner Position als Pressesprecher beim Radsport-Team von T-Mobile wechselte er 2008 als Bereichsleiter Marketing zum Hamburger SV.

Nach und nach hat er sich beim Traditionsclub aus Hamburg immer mehr in die Themen Marke & CSR (Corporate Social Responsibility) eingearbeitet und entwickelt. Unter anderem bei der „Hamburger Weg“ dessen Stiftung Stefan aufgebaut und dann geleitet hat.

Mittlerweile hat er sich in dem Bereich vor gut 1,5 Jahren mit seinem Büro für CSR, Marketing & Kommunikation selbstständig gemacht und berät nun unter anderem die TSG Hoffenheim zur Nachhaltigkeitsstrategie und deren Implementierung.

Darüber hinaus engagiert er sich im Oldenburger Münsterland und arbeitet mit zwei NGOs (deutsch: Nichtregierungsorganisationen) zusammen.

Du kannst Stefan bei Fragen gerne direkt kontaktieren oder Dich mit ihm vernetzen. Beispielsweise bei XING oder LinkedIn.

Für den Club arbeiten, dessen Fan Du früher warst

Stefan und ich sind absolut auf einer Wellenlänge. Das wissen wir spätestens, seitdem klar ist, dass wir beide HSV-Anhänger sind. Natürlich musste ich ihn dann fragen, wie es ist, für seinen Lieblingsclub zu arbeiten.

Für viele ist das sicherlich eine Wunschvorstellung.

Stefan hat mir jedoch versichert, dass einem als Angestellter eines Clubs noch viel mehr klar wird, wie viel eigentlich vom Erfolg bzw. Misserfolg der ersten Mannschaft abhängt. Natürlich schlagen sowohl positive als auch negative Emotionen direkt auf die gesamte Organisation durch.

Ich stelle mir das so vor: Wenn der HSV am Wochenende kein gutes Spiel abliefert und verliert, bin ich niedergeschlagen. Dann bin ich froh, wenn ich am Montag mit niemandem (erst Recht nicht mit meinen Kollegen, die zum Teil Fans von Werder Bremen sind) darüber sprechen muss.

Als Angestellter ist jeder selbstverständlich gezwungen, sich tagtäglich mit der (Minus-)Leistung auseinander zu setzen. Das wollte ich als kleinen Exkurs nur einmal voranstellen, da ich vermute, dass Du Dir die Frage, wie es sich anfühlt für seinen Lieblingsclub zu arbeiten, unter Umständen schon einmal gestellt hast.

Jetzt steigen wir aber ins eigentliche Thema ein: Nachhaltigkeit der Bundesliga.

Was genau ist Nachhaltigkeit eigentlich?

Natürlich musste ich das Gespräch mit dieser Frage starten. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Fall nicht nur vegane Ernährung oder keine Plastiktüten. Der Begriff muss weiter gefasst werden. Viel weiter!

Zuerst deckt Stefan einen typischen Denkfehler auf.

„Bei Nachhaltigkeit der Bundesliga geht es nicht um die Frage, wie ich Geld ausgebe, sondern wie ich es verdiene.“

Es geht somit nicht nur darum, einen Teil der schwer verdienten Einnahmen in soziale Projekte zu stecken und damit sein Image aufzupolieren.

Für Stefan setzt Nachhaltigkeit viel früher an. Nämlich bei der Frage, wie das Geld verdient wird. Dabei geht es nicht nur um den ökologischen, sondern vor allem um den gesellschaftlichen Mehrwert.

Entscheidend ist diesbezüglich die folgende Frage: Worin liegt mein Markenkern bzw. meine Alleinstellung?

Daraus leitet sich die CSR-Strategie ab, die sehr differenziert über alle Produkt-, Marketing- und Vermarktungsebenen dekliniert werden muss. Ziel ist ein nachhaltiger, von Fans und Gesellschaft getragener Wachstumspfad, weil er sich positiv auf Marke, Gesellschaft und Umsätze auswirkt.

Natürlich darf in diesem Zusammenhang auch die wirtschaftliche Nachhaltigkeit nicht vergessen werden.

Schauen wir uns das Ganze am Beispiel der TSG Hoffenheim an.

Nachhaltigkeit bei TSG Hoffenheim

Ich vermute, dass Dir nicht zuerst Nachhaltigkeit in den Sinn kommt, wenn Du an den Fußballclub aus Sinsheim denkst. Liege ich richtig?

Natürlich hat der Club enorm durch die Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe vom SAP-Gründer Dietmar Hopp profitiert. Die verschiedenen Investoren sind jedoch nach wie vor generell in der Bundesliga nicht unumstritten. Und das, obwohl Dietmar Hopp sich selbst über die Dietmar Hopp Stiftung gesellschaftlich engagiert.

Das alles möchte ich für diesen Beitrag aber einmal ausblenden. Ich möchte mich auf die TSG Hoffenheim als Ganzes konzentrieren.

Aktuell möchte diese nämlich einen neuen Weg einschlagen. Und Stefan ist ein Teil davon.

Die Sinsheimer denken Nachhaltigkeit auf strategischer Ebene. Nicht nur in Form sozialer und gesellschaftlicher Projekte. Den Verantwortlichen (vom Eigentümer bis hin zum letzten Mitarbeiter) geht es darum, nachhaltig zu wachsen.

Somit wird Nachhaltigkeit bei diesem Bundesligisten nicht nur als Image-Projekt verstanden, sondern als Wachstums- bzw. Positionierungsstrategie. Das hat auch massive Auswirkungen auf die Clubpolitik.

Nachhaltigkeit der Bundesliga – Kaderarbeit

Ich habe an dieser Stelle schon häufig vom Phänomen des sogenannten Big Push geschrieben. Dieses besagt, dass es für einen Club sehr schwierig ist, die Starspieler zu halten.

Anders als einige andere Bundesligisten, die ihr Gehaltsgefüge sowie die Liquidität riskieren, um begehrte Spieler zur Vertragsverlängerung zu bewegen, lässt die TSG Hoffenheim diese Spieler ziehen.

Prominente Beispiele sind in diesem Zusammenhang Roberto Firmino, Niklas Süle, Kevin Volland oder aber auch Sandro Wagner. 

Ein weiteres Anzeichen für nachhaltiges Wirtschaften ist die aktuell hochgelobte Jugendarbeit der Sinsheimer. Ein Beispiel dafür ist Dennis Geiger. Der 19 Jährige hat sämtliche Jugendmannschaften der TSG durchlaufen und kam in der Saison 2017/18 (Stand 18. Spieltag) schon auf über 1.000 Einsatzminuten.

Ein weiteres Anzeichen dafür ist die Anzahl an Junioren-Nationalspielern. Für Deutschland sind die Kader hier abrufbar.

Nachhaltigkeit der Bundesliga – darüber hinaus

Auch darüber hinaus versucht die TSG wirtschaftlich nachhaltig und vor allem innovativ zu arbeiten. Beispielsweise ist der sportliche Bereich – wie bei so vielen Bundesligisten – digital am weitesten fortgeschritten.

Nun versuchen zunehmend andere Unternehmensbereiche davon zu lernen. Dass die Verantwortlichen dabei ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nehmen, zeigen weitere Projekte:

Im Fußball ist beispielsweise mentale Stärke ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Alle Spieler stehen unter immensem Druck. Denk nur mal an die Situation eines Elfmeterschießens. Ich habe früher nie gerne Elfmeter geschossen. Als Schütze kann man dabei nur verlieren.

Dieses Wissen um den Umgang mit Drucksituationen (z.B. aus dem Bereich des mentalen Coachings) versucht der Club nun weiter zu geben. Dabei geht es sowohl um gesellschaftliche Teilhabe, als auch um Wertschöpfung. Nicht nur um eine der beiden Komponenten. Nachhaltigkeit fasst sie beide zusammen.

So ein Angebot richtet sich beispielsweise an Schüler, die kurz vor ihrer Abitur-Prüfung stehen. Je nachdem, wie lange Deine Prüfungen in der Schule schon her sind, musst Du vielleicht jetzt schmunzeln.

Das kann ich gut nachvollziehen. Schließlich nehmen wir Drucksituationen als gar nicht so schlimm wahr, wenn sie zeitlich weit in der Vergangenheit liegen. Für die Schüler sind dies jedoch zum Teil die größten Prüfungs- und somit Drucksituationen ihres bisherigen Lebens.

Ich finde es sehr löblich, dass ein Bundesligist hier ansetzt. Das zeigt die lokale Verbundenheit des Clubs und macht ihn für mich noch sympathischer.

Lizenzierung als Aspekt der Nachhaltigkeit

Nachdem Stefan uns einige spannende Einblicke in die Nachhaltigkeitswelt der TSG Hoffenheim gegeben hat, haben wir über die Nachhaltigkeit der Bundesliga im Ganzen gesprochen.

Hierbei hat Stefan vor allem das Lizenzierungsverahren positiv hervorgehoben. Dieses prüft vor Beginn einer Saison, ob die Clubs kritische Voraussetzungen aus den Bereichen Finanzen, Sport, Infrastruktur & Co erfüllen.

Auf den ersten Blick hat das wenig mit Nachhaltigkeit der Bundesliga zu tun. Stefan sieht es allerdings so:

Durch das Lizenzierungsverfahren wird sichergestellt, dass kein Club während einer laufenden Spielzeit aus dem Wettbewerb ausscheiden muss, z.B. weil er die Spielergehälter nicht mehr zahlen kann.

Dadurch wird zum Beispiel der Wert bzw. die Zuverlässigkeit für Partner (Sponsoren und Rechtehalter wie Sky) massiv erhöht und ein geregelter Ablauf sichergestellt. In Summe trägt die Lizenzierung somit zur Nachhaltigkeit der Bundesliga bei.

Gutmenschen-Fraktion in der Bundesliga

Nichtsdestotrotz ist Nachhaltigkeit in der Bundesliga häufig noch ein Thema, was nur am Rande besprochen wird. Es ist somit weder auf Management-Ebene verankert, noch wird es entsprechend offen diskutiert.

Häufig ist es wie bereits oben beschrieben nur die Frage nach sozialen und gesellschaftlichen Projekten, in die Geld investiert werden kann. Meistens ist diese Funktion dann im Marketing-Bereich angesiedelt. Die nachhaltigen Aspekte des Kerngeschäfts werden somit häufig vernachlässigt.

Aktuell ist jedoch zu beobachten, dass die Stellen im Bereich Nachhaltigkeit immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die Entwicklung geht somit in die richtige Richtung, ist aber noch nicht am Ziel angekommen.

Die Nachhaltigkeit der Bundesliga bekommt jedoch eine immer größere Aufmerksamkeit, weil die Bundesliga zunehmend an Wachstumsgrenzen stößt. Drei Beispiele hierzu:

82_Nachhaltigkeit der Bundesliga_Wachstumsgrenzen_1
Nachhaltigkeit der Bundesliga: Wachstumsgrenzen

Trikotwechsel

Früher wurde alle zwei Jahre ein neuer Trikotsatz vorgestellt. Heutzutage erfolgt dies schon jährlich. Unterjährige Kollektionen halten Stefan und ich auf Dauer für nicht nachhaltig.

Ticketpreise

Natürlich wollen die Clubs die Spieltagserlöse maximieren. Aufgrund der begrenzten Stadionkapazität geht das nur über die Ticketpreise. Aber auch in diesem Zusammenhang kommt es mittlerweile häufiger zu Auseinandersetzungen mit Fans.

Anstoßzeiten

Diese Saison gewöhnen wir uns an Spiele am Sonntagmittag (13:30 Uhr) sowie Montagsspiele (20:30 Uhr). Je mehr Anstoßzeiten es gibt, desto mehr Fläche bekommen Sponsoren und desto höher ist somit der Wert der Rechtepakete.

Auch hier protestieren die Fans bei Neuerungen. Die Grenze der Nachhaltigkeit der Bundesliga könnte auch hier (bald) erreicht sein.

Communities in der Premier League

Natürlich haben wir auch kurz über CSR in anderen Ligen gesprochen. Die Bewertung fällt in Bezug auf die Premier League gemischt aus. Auf der einen Seite entfernt sich das Mutterland des Fußballs hinsichtlich der Ticketpreise immer weiter von seinen Fans.

Positiv ist jedoch hervorzuheben, dass die Dachorganisation der englischen Premier League den Clubs extra finanzielle Mittel zur Verfügung stellt, damit diese eine Community aufbauen können.

Um beide Ligen voll umfänglich miteinander vergleichen zu können, müssten wir uns jedoch auch die Sozialsysteme bzw. gesellschaftlichen Strukturen anschauen. Darauf haben wir an dieser Stelle verzichtet.

Nichtsdestotrotz gibt es auch in Deutschland einige Communities. Das führt mich direkt zum nächsten Thema, über das ich mit Stefan gesprochen habe: Amateurvereine

Nachhaltigkeit in Amateurvereinen

Ich habe Stefan in diesem Zusammenhang gefragt:

„Was können Amateurvereine für ihre Nachhaltigkeit tun?“

Darüber haben wir etwas länger gesprochen – fast philosophiert. Dabei sind wir zu dem Fazit gekommen, dass Amateurvereine an sich schon nachhaltig sind.

Wir begründen es wie folgt.

82_Nachhaltigkeit der Bundesliga_Nachhaltigkeit eines Amateurvereins_1
Nachhaltigkeit von Amateurvereinen

Nicht wirtschaftlich

Amateurvereine haben keine wirtschaftlichen Ziele. Das steht in jeder Vereinssatzung (auch bei den Bundesligisten) am Beginn der Satzung. Andernfalls würde Vereinen ihre Gemeinnützigkeit (und damit Steuervorteile) aberkannt werden.

Es geht Amateurvereinen somit nicht darum, Geld zu verdienen. Selbst wenn sie es täten, dürften sie es nicht ausschütten, wie Kapitalgesellschaften es typischerweise machen. Das ist nämlich bei Vereinen rechtlich verboten.

Somit macht es auch keinen Sinn, die Mitgliedsbeiträge zu maximieren. Diese sollen vor allem die Kosten decken.

Wenn es nicht um wirtschaftliche Interessen geht, worum geht es dann?

Sport, Gesundheit, Gemeinsamkeit

In Vereinen treffen sich Gleichgesinnte, um ihren gemeinsamen Interessen nachzugehen. Beispielsweise um Sport zu treiben.

Dabei geht es vor allem um das Miteinander. Nebenbei wird auch die Gesundheit der Gesellschaft verbessert. Wir wissen schließlich alle, dass Sport (bei richtiger Ausführung) gesund ist.

Ehrenamt und Integration

Zwei weitere Anzeichen dafür, dass Vereine einen gesellschaftlichen Mehrwert leisten, finden wir in der Art der Beschäftigung (Ehrenamt) sowie einem weiteren Nebenprodukt. Der Integration.

Wir alle kennen diese schönen Geschichten, die gerade in der heutigen Zeit immer wichtiger werden. Um gemeinsam miteinander Sport zu treiben, muss man nicht mal dieselbe Sprache sprechen.

Das hilft gerade in Zeiten der Diskussion um Flüchtlinge enorm.

Amateurvereine leisten somit also an sich durch ihr Kerngeschäft schon einen maßgeblichen Mehrwert für die gesamte Gesellschaft.

Das Gespräch hat mir auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht und ich hoffe, dass ich Dir einen guten Einblick in die Nachhaltigkeit der Bundesliga geben konnte.

Natürlich hätten wir noch über viel mehr Themen sprechen können. Dies soll erstmal der Einstieg in das Thema gewesen sein.

Ich sage deshalb nochmal: Vielen Dank, Stefan und viel Erfolg auf Deinem weiteren Weg!


Jetzt bist Du dran: Diskutiere mit Stefan & mir und schreibe einen Kommentar: Wie stehst Du zur Nachhaltigkeit der Bundesliga?

LINKEDIN
SOCIALICON
Facebook
YOUTUBE

8 thoughts on “Horizonterweiterndes Plädoyer für die Nachhaltigkeit der Bundesliga

  • 25. Januar 2018 um 12:52
    Permalink

    Lieber Ralf,
    Lieber Stefan,

    ein toller und besonders informativer Artikel mit faszinierenden Perspektiven. Ich sehe es als goßes Glück an, dass ich in meinem Studium die Chance geboten bekam, bei Werder Bremen das CSR und das anhängliche Gefüge vorgestellt zu bekommen. Zwar „nur“ im Rahmen einer Tagesexkursion, trotzdem eine wertvolle Erfahrung. Insbesondere im Vergleich zu anderen Erfahrungen, bspw. aus dem Besuch einer NGO mit dem Schwerpunkt der sportbezogenen Jugendarbeit.
    Unter anderem vor diesem Hintergrund möchte ich kurz den angesprochenen Punkt der Nichtwirtschaftlichkeit von Amateurvereinen zu sprechen aufgreifen:
    Es geht – und soll auch nicht – um wirtschaftliche Interessen gehen, nur muss man meiner Erfahrung nach schauen, wer diese Vereine leitet. Oft finden sich in diesen Positionen Akteure, die einen wirtschaftlichen Hintergrund haben und aus diesem bestimmte Handlungsstrukturen und Erfahrungen mitbringen.
    Das kann positive Effekte haben und hat es zweifelsohne auch oft, aber aus persönlicher Erfahrung in unserem lokalen Fußballverein würde ich auch die These wagen, dass dies zu Problemen führen kann. Mannschaften werden auf Leistung ausgerichtet, Ziele wie „Mannschaft A Oberliga, Mannschaft B Landesliga, Mannschaft C Kreisliga, reibungslose Spielerfluktuation zwischen den Mannschaften.“
    Das wirkt auf mich dann schon sehr wirtschaftlich und am eigentlichen Sinn und Ziel eines Vereins vorbei gedacht.

    Wie sieht Ihr das? Wie wirtschaftlich darf/muss ein Amateuerverein heute sein?

    Viele Grüße
    Falco

    Antwort
    • 25. Januar 2018 um 14:17
      Permalink

      Hallo Falco,
      danke für Deinen Kommentar.

      Zu Deiner Frage nach den wirtschaftlichen Aspekten von Amateurvereinen:
      natürlich spielen auch bei Amateurvereinen wirtschaftliche Aspekte eine gravierende Rolle. Denn auch Amateurvereine benötigen je nach Größe zum Teil erhebliche Mittel, um überhaupt eine gute Infrastruktur bereit stellen zu können, um Mannschaften ausstatten zu können, für Trainer, zur Teilnahme am Spielbetrieb, für administrative Aufgaben usw. Idealerweise stehen hierfür auch wirtschaftlich versierte Personen in der Verantwortung, um öffentliche Gelder, Spenden, Mitgliedsbeiträge und Sponsorengelder einzuwerben und möglichst effizient im Sinne des Vereinszwecks, also im Sinne der Allgemeinheit, zu nutzen.

      Auch gewisse Ambitionen gehören zum Sport, zum sportlichen Wettstreit untrennbar dazu. Es ist Ansporn und auch für kleinere Orte identitätsstiftend, wenn also eine Mannschaft eine für den jeweiligen Verein relativ hohe Spielklasse erreicht.

      Da etwa im Fußball auch schon in unteren Ligen zum Teil relativ viel Geld unterwegs ist und zu einem gewissen Grad auch hier dazu gehört, ist die Abgrenzung schwierig. Für mich entsteht die Grenze dort, wo etwa Einnahmen zugunsten dieser Teams umgeschichtet werden, wo überwiegend teure auswärtige Spieler, die ortsansässigen verdrängen, wo umkalkulierbare Risiken zugunsten einer unklaren sportlichen Perspektive eingegangen werden, wo sich ein Verein in Abhängigkeit eines Mäzens oder Sponsors begibt, wo mit Blick auf den Gesamtverein infrastrukturelle Dinge, die Förderung der Jugend oder anderer Abteilungen hinter dieser einen dominierenden Sparte oder Mannschaft zurück stehen muss.

      Am Ende des Tages ist es für mich eine Frage der Ausgewogenheit und des gesunden Menschenverstands.

      Ich hoffe, das konnte Deine Frage beantworten.

      Beste Grüße, Stefan Wagner

      Antwort
      • 26. Januar 2018 um 9:46
        Permalink

        Danke Dir für die zügige Antwort, Stefan. Ich bin gespannt, was Du zu Brittas Kommentar sagst 🙂

        Antwort
      • 26. Januar 2018 um 16:23
        Permalink

        Hallo Stefan,

        danke für deine schnelle Antwort.

        Deine Ausführungen trage ich komplett mit, möchte aber noch mal auf einen Punkt eingehen, die Kommunikation. Meine Frage oben war dahingehend unspezifisch, statt „wirtschaftlich“ wäre „wirtschaftnah“ oder als Ergänzung „wirtschaftsinspiriert“ besser geeignet gewesen. Meine Kritik richtet weniger auf das „Warum“ als viel mehr auf das „Wie“. Neben dem von dir gut ausgeleuchteten finanziellen Aspekt geht es mir dabei als zweites um den Faktor Mensch.
        Ich denke dass viele Amateurvereine in der Führungsetage in Bezug auf Umgang mit den Mitgliedern ähnlich hierarchisch geführt werden, wie es die Verantwortlichen als Gewohnheit aus ihrem Arbeitsleben mitbringen.
        Ralf schrieb im vorangegangenen Artikel ja bspw. auch über die Probleme des Ehrenamtes heutzutage und über den digitalen Rückstand der Amateurvereine. Ich denke wir alle stimmen darüber ein, die Digitalisierung als möglichen Motor für Innovation und Wandel zu betrachten. Und ich wage zu behaupten, dass das etwas „verstaubte“ Image des Amateurvereins auch viel damit zu tun hat.

        Um die noch losen Enden etwas zusammen zu fassen:
        „Alte“ Vorstände = alte Methoden
        „Junge“ Digitale = Neue Methoden
        -> Kluft zwischen Alt und Jung
        Beispiele wie Egon unterstreichen für mich diese Überlegung.

        Dazu würde mich nochmal deine/eure gesonderte Meinung interessieren.

        Beste Grüße
        Falco Marquaß

        Antwort
        • 28. Januar 2018 um 11:02
          Permalink

          Hallo Falco,

          Deinen Ausführungen kann ich nicht so gut folgen. Ich kenne viele gerade auch ältere Menschen in Vereinen, die den jungen Leuten ungeheuer viel mitgeben und zentral sind für Vereine. Etwa einen 80jährigen Rudertrainer in meiner Heimatstadt. Er ist aufrichtig, hat eine respektvolle, aber sehr klare Ansprache und einen Schatz an Lebenserfahrung, den er weitergibt. Die jungen Leute „lieben“ ihn sehr. Ebenso in meinen Dorfverein hier, wo der Unterschied nicht zwischen Jung und Alt verläuft, sondern zwischen denen, die sich engagieren und denen, die sich nicht engagieren. Zum Glück gibt es hier viele in allen Altersklassen, die etwas im Sinne der Allgemeinheit beitragen. Der Präsident hat mit Digitalisierung nicht viel am Hut, aber führt den Verein mit enorm viel Herzblut und einer sehr korrekten Grundhaltung. Das wirkt – ganz ohne Digitalisierung ist dieser Verein ein positiv lebendes Gebilde und untrennbarer Teil des Ortes. Wenn anderswo innovative Ideen umgesetzt werden, kann das ebenfalls ein Weg sein, der dem Wandel der Zeit gerecht wird, aber auch da sind wir immer noch beim Faktor Mensch – da stimme ich Dir zu. Wenn der nicht stimmt und jemand eine solche Funktion nicht aufrichtig oder mit falschen Motiven betreibt, hilft auch Kommunikation nicht weiter.

          Herzliche Grüße

          Stefan Wagner

          Antwort
    • 26. Januar 2018 um 8:58
      Permalink

      Guten Morgen Falco, vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Stefans Antwort kann ich mich nur anschließen. Natürlich gibt es kein „schwarz / weiß“ und es ist schwierig, eine Grenze zu ziehen. Hoffentlich hat Stefans Antwort Die geholfen?!

      Liebe Grüße und einen guten Start in den Tag
      Ralf

      Antwort
  • 25. Januar 2018 um 20:00
    Permalink

    Hallo Ralf,

    Dein Wunsch ist mir Befehl, hier einfach mal hineinkopiert, was ich in der HSV-Gruppe geschrieben habe.
    @Stefan: Ralf wollte Dir die Chance geben, mich zu überzeugen. 😉

    Viele Grüße,
    Britta

    Ich habe kritisch gezögert, als ich die Überschrift las, denn der Missbrauch des Wortes Nachhaltigkeit hat Formen angenommen, die es bald zur Farce verkommen lassen. Werbewirksam ist „nachhaltig“ heute ein Wort, dass jeder verwendet, der etwas verkaufen will. Es ist ein positiv behaftetes Wort, weil es Dauerhaftigkeit verspricht.

    Doch was bedeutet Nachhaltigkeit?

    Ökologisch betrachtet, ist die Definition sicherlich die, dass aktuell nicht mehr verbraucht werden darf, als nachwachsen oder bereitgestellt werden kann.

    Etwas nachhaltig zu tun heißt aber auch, dass man es konsequent verfolgt, „dran bleibt“, auch wenn sich nicht sofort Erfolge einstellen oder gar Misserfolge eintreten.

    Konzepte und Startgien können hierdurch als nachhaltig beschrieben werden und hier ist die Schnittmenge zum o. g. wirtschaftlichen Missbrauch und damit auch zum Fußball.

    In einem Business, dass mit Bezug auf Schnelllebigkeit seines gleich sucht, ist der Begriff Nachhaltigkeit lächerlich! Damit meine ich explizit die Bundesliga als Produkt und leider auch die meisten Profivereine! Ich spreche hier nicht vom sozialen Engagement eines Vereins, auch nicht von seiner Jugendarbeit, sondern ich spreche von der Profisportabteilung. Nachhaltigkeit setzt voraus, dass man eine Strategie, eine Konzept hat, dass man trotz Widerständen verfolgt und nicht aufgibt, weil das Ziel einen größeren Wert als nur Profit bringt!
    Nachhaltigkeit und Profifußball schließen sich aus, denn es zählt nur der aktuelle und vor allem eigene sportliche und wirtschaftliche Erfolg. Verträge von Spielern und Trainern sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Vereinstreue ist zum Einzelfall geworden – was in aller Welt soll bei der Entwicklung des Profi-Fußballs und/oder der Marke Bundesliga nachhaltig sein…?? Das Investment, dass Bayern, Dortmund, aber auch der HSV seit Jahren in neue Spieler blasen …?? Nachhaltiges Geld ausgeben…?

    Es gibt Ausnahmen, wie überall. Diese Ausnahme heißt für mich SC Freiburg. Seit über 20 Jahren hat man dort eine nachhaltige Strategie, die Nachwuchsfußballer ausbildet und entwickelt, sie zu Profis macht und Ihnen den Weg zum Berufsfußballer ebnet. Dort wurde und wird bei Misserfolg nicht das Konzept über den Haufen geworfen oder der Trainer entlassen, dort wird konsequent weitergearbeitet. Der SC Freiburg wird niemals zu den Top 5 der reichsten Vereine in Deutschland gehören. Er wird vermutlich auch niemals Meister und die Qualifikationen für das internationale Geschäft, sind positive Ausrutscher. Aber der Verein darf das, was alle anderen nicht dürfen von sich sagen, dass er nachhaltig arbeitet.

    Es gibt weitere Vereine, die eine nachhaltige Jugendarbeit haben. Zu diesen gehören sicherlich Hoffenheim, Leipzig, Wolfsburg, Hertha und inzwischen, ganz langsam wächst das zarte Pflänzlein heran, sogar der HSV. Im Gegensatz zu Freiburg aber, haben sie wenig bis keine Spieler, die es aus den eigenen Reihen wirklich, im eigenen Verein, nach oben geschafft haben. Hoffenheim dürfte die zweitbeste Quote haben, danach kommt lange nichts. Widersprecht mir, nennt mir Spieler … 😉

    Nachhaltig ist sicherlich auch das Engagement des HSV beim Hamburger Weg. Ein tolles Projekt, welches alle Vereine gern nachahmen dürfen! Keine würde behaupten, dass der HSV ein nachhaltig agierender Bundesligaverein ist, er ist das krasse Gegenteil davon, denn er hat nicht einmal ein Konzept, wie er nachhaltig im Profifußball arbeiten möchte. Kein Konzept, rege Fluktuation auf allen Positionen, kein Geld, kein sportlicher Erfolg …. er ist aber (leider) das Paradebeispiel das beweist, dass man in Teilbereichen als Profiverein nachhaltig arbeiten kann, in dem man die Jugend fördert und sich sozial engagiert, aber im Profifußball besser nicht mit dem Wort nachhaltig agieren sollte….. man macht sich lächerlich!

    Antwort
    • 28. Januar 2018 um 10:51
      Permalink

      Liebe Britta,

      danke für Deinen Kommentar und Deine klare Meinung.

      Meine Meinung dazu ist, es im Fußball wie auch allen anderen Lebensbereichen kritikwürdige Dinge gibt, in gleicher Weise aber auch sehr viel positive Gesichtspunkte sowie das Potential, einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Man wird wohl nie allen Anforderungen gerecht werden – weder als Unternehmen, noch als Verein oder auch als Einzelperson. Der entscheidende Punkt ist dabei das Bewusstsein für die eigene Verantwortung und die Haltung, einen entsprechenden Weg einzuschlagen. Im Sinne der Gesellschaft und in eigenem Interesse. Dann ist weniger der Status quo entscheidend, sondern die Richtung.

      Herzliche Grüße

      Stefan Wagner

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.