Der Einfluss vom Zufall im Profifußball ist größer, als wir denken

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Wie bereits im letzten Beitrag zur → Champions League Reform 2018 angekündigt, schauen wir uns heute den Zufall im Profifußball detaillierter an.

Viele vermuten, dass dieser eine wesentliche Rolle in der Fußball-Branche spielt. Wir schauen uns im Folgenden an, warum.

Vorwort

Dieser Artikel basiert im Wesentlichen auf den Untersuchungen von Jörn Quitzau. Über mehrere Jahre untersuchte er die Entwicklung des Zufalls im Profifußball und quantifizierte ihn.

Eine ausführliche Analyse zur Bundesligasaison 2007/08 und weitergehende Erklärungen findet ihr → hier. Das Dokument erarbeitete Jörn Quitzau gemeinsam mit Prof. Dr. Vöpel.

Zufall als Einflussfaktor

Zuerst wollen wir die Einflussfaktoren im Profifußball ganz grob in drei Kategorien einteilen. Ich bin mir sicher, dass es eine Vielzahl anderer Ansätze gibt, aber an dieser Stelle soll uns die folgende Einteilung genügen.

Neben der (I) sportlichen Spielstärke der einzelnen Spieler spielen meiner Meinung nach sowohl der (II) Zufall, als auch der (III) Zusammenhalt bzw. das Zusammenspiel des Clubs (des Teams) eine wesentliche Rolle. Unter die letztgenannte Kategorie fallen somit die tatsächliche Performance der Lizenzspieler als Team und die der sonstigen Angestellten (Management).

An die sportliche Spielstärke der einzelnen Spieler kann man sich gut über deren Marktwerte annähern. Je höher die Marktwerte der einzelnen Spieler, desto höher sind womöglich auch die fußballerischen Fähigkeiten dieser.

Mit einem höheren Marktwert geht vermutlich ebenfalls ein höheres Gehalt für die Spieler – und somit höhere Personalaufwendungen für die Clubs – einher. Die Personalkostenquote (I) kann demnach ebenfalls ein guter Idikator für die sportlichen Spielstärke eines Teams sein. Zu beachten ist jedoch, dass zusätzlich zur Aufwands- die Umsatzseite berücksichtigt wird.

Leider lassen sich der Zusammenhalt bzw. das Zusammenspiel des Teams und der Zufall im Profifußball nicht so leicht quantifizieren. Hierfür bedarf es umfangreicher Ansätze und detaillierter Analysen. Aus diesem Grund greifen wir heute auf die Beiträge von Jörn Quitzau zurück.

Einfluss des Zufalls in der Bundesliga

In meinen Seminaren frage ich die Studierenden vor meinen Ausführungen nach einer Schätzung. Ich würde mich freuen, wenn Ihr einen Moment pausiert und Euch überlegt:

Wie hoch ist Eurer Meinung nach der Anteil an Bundesligaspielen, die durch den Zufall entschieden werden?

Ich war sehr überrascht, als ich gelesen habe, dass der Zufall im Profifußball saisonübergreifend mehr als der Hälfte der betrachteten Spiele entscheidend beeinflusst. Der weiter oben verlinkten Analyse zufolge beträgt der Einfluss des Zufalls knapp 53%.

Der Zufall hat hierbei einen größeren Einfluss auf ausgeglichenere Duelle, als bei Spielen mit einem klaren Favoriten.

Genauere Details zur Methodik und dem Vorgehen in der Analyse erfahrt Ihr nächste Woche in dem ersten Interview von FussballWirtschaft. So viel sei jedoch an dieser Stelle bereits verraten: Zufall ist das, was den Ausgang eines Spiels nach dessen Anpfiff beeinflusst und nicht vorhersehbar war.

Unterschieden werden im Hinblick auf den Zufall im Profifußball die Wirkungsformen Tagesform & Glück.

Glück

„Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu.“
[Jürgen Wegmann]

Das Zitat ist an dieser Stelle so passend wie nie zuvor: Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, Verletzungen, Papierkugeln, Löcher im Tornetz etc. Alle Faktoren können den Ausgang eines Fußballspiels beeinflussen und haben dies in der Vergangenheit bereits getan. Keine dieser Umstände ist vorhersehbar und somit reines Glück (oder eben Pech).

Eine weitere Weisheit im Profifußball besagt, dass Glück sich über die Zeit ausgleicht. Wissenschaftlich sprechen wir vom Gesetz der großen Zahlen. Nach diesem Gesetz ist jeder einmal auf der Sonnen- (Glück) und Schattenseite (Pech).

Über einen langen Beobachtungszeitraum mag diese Weisheit zutreffen. Leider gilt eine Saison mit ihren 34 Spieltagen in diesem Zusammenhang nicht als lang. Es ist demnach denkbar, dass einzelne Clubs eine besonders unglückliche Saison spielen. Im Falle eines Abstiegs beruhigt es die Verantwortlichen mit Sicherheit wenig, wenn sie in der niedrigeren Liga wieder etwas mehr Glück haben – rein statistisch :-).

Tagesform

Zusätzlich zu den oben beschriebenen glücklichen / unglücklichen Ereignissen, gilt die Tagesform als Ausprägung des Zufalls im Profifußball.

Obwohl ein Team offensichtlich schlechter (weniger sportliche Spielstärke = geringerer Marktwert) als ein anderes ist, kann es einen Top-Club schlagen. Dies ist unabhängig vom jeweiligen Wettbewerb möglich und ist keinesfalls auf dem DFB-Pokal beschränkt. Obwohl dieser ja bekanntlich seine eigenen Gesetze hat.

Einzelne Spieler oder die gesamte Mannschaft können einfach „einen guten/schlechten Tag erwischt haben“. Der Ausgang des Spiel entspricht somit nicht dem erwarteten. In diesem Fall ist jedoch kein Glück oder Pech im Spiel.

Implikationen des Zufalls

Wenn jedes Spiel so ausgehen würde, wie es von vornherein abzusehen wäre, würden vermutlich weniger Menschen den Fußball aktiv verfolgen. Wissenschaftlich sprechen wir in diesem Zusammenhang vom so genannten Spannungsgrad. Die Grundthese lautet: Zufall im Profifußball macht diesen attraktiv. In wenigen Wochen werden wir uns dem Spannungsgrad intensiver widmen.

Neben den direkten Implikationen (Sieg oder Niederlage eines Clubs) kann der Zufall weit mehr beeinflussen, als den Ausgang einzelner Spiele.

Anfang 2014 leistete sich René Adler (Torwart des Hamburger SV) zwei entscheidende Fehler im Spiel gegen Eintracht Braunschweig. Die Hanseaten verloren mit 2:4 und im Anschluss wurde der Trainer (Bert Van Marwijk) entlassen.

Am 4. Spieltag der laufenden Saison 2016/17 leistete sich Adler erneut einen Fehler gegen den SC Freiburg. Die Breisgauer gewannen das Spiel mit 1:0 und anschließend wurde die Entlassung von Bruno Labbadia beschlossen. [Anmerkung: Aus politischen Gründen und Schwierigkeiten in der Findung einer Nachfolge durfte er am 5. Spieltag den Hamburger SV noch coachen].

Der Zufall im Profifußball kann somit nicht nur den Ausgang einzelner Spiele, sondern sogar die Struktur (in Bezug auf die Trainerposition) beeinflussen.

Prognose für die Zukunft

Auf Seiten der Verantwortlichen wird versucht den Einfluss einzelner Komponenten des Zufalls zu reduzieren. Insbesondere Fehlentscheidungen der Schiedsrichter (Wirkungsform: Glück / Pech) stehen hierbei im Fokus. Mehrere Maßnahmen wurden hierfür bereits getroffen oder sind angedacht:

  • Torlinientechnik: Seit der Saison 2015/16 wird die Torlinientechnik in der Bundesliga verwendet. Der Schiedsrichter erhält hierbei ein Signal, wenn der Ball die Torlinie überquert.
  • Videobeweis: Immer wieder wird über den Videobeweis diskutiert. Bislang ist dieser nicht eingeführt, könnte jedoch grobe Fouls und strittige Szenen für die Schiedsrichter einfacher zu beurteilen machen.

Diese Maßnahmen führen mit Sicherheit zu einer Reduktion des Zufallseinflusses im Profifußball. Nebenbei werden somit Möglichkeiten für Spielmanipulationen reduziert.

Fazit

Der Zufall beeinflusst mehr Spiele, als ich im Vorhinein gedacht hätte. Dies macht meiner Ansicht nach einen Teil der Attraktivität des Fußballs aus. Glück/Pech und Tagesform machen jedes Spiel unvorhersehbar. Zusätzlich zu den Spielen, kann der Zufall im Profifußball sogar Schicksale von Trainern beeinflussen.

Nichts desto trotz versuchen die Verantwortlichen dessen Einfluss zu reduzieren. Verschiedene Maßnahmen können hierbei bspw. Fehlentscheidungen der Schiedsrichter reduzieren.

Ausblick

Da das Thema u.a. in meinen Seminaren immer zu spannenden Diskussionen führt, habe ich den Autor der Studien zum Zufall im Profifußball kontaktiert und ein Interview organisiert. Im kommenden Beitrag – dem ersten Interview von FussballWirtschaft – stellt sich Jörn Quitzau meinen Fragen unter dem Motto: → Wie misst man Zufall im Profifußball?


Digitalisierung des Fußballs

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2 thoughts on “Der Einfluss vom Zufall im Profifußball ist größer, als wir denken

  • 5. Oktober 2016 um 19:59
    Permalink

    Freue mich schon auf das bevorstehende Interview.

    Den Faktor Zufall hätte ich im Leben nicht bei über 50% erwartet.

    Coole Statistik und toller Beitrag mal wieder.

    Antwort
    • 5. Oktober 2016 um 20:41
      Permalink

      Ich war auch wirklich überrascht, als ich diese Analyse zum ersten Mal gelesen habe.

      In Zukunft wird der Einfluss aber meiner Ansicht nach sinken. Erstens, weil bspw. die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter reduziert werden und zweitens weil die Schere zwischen Top-Clubs und unterklassigen weiter auseinander geht. Demnach braucht es dann noch mehr Zufall für eine Entscheidung zu Gunsten der „Schwachen“.

      Danke für Deinen Kommentar und Dein Feedback!

      Antwort

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